Samstag, 19. November 2011

Mein Körper...

Heute Morgen habe ich einen lang verschollen geglaubten Gürtel angezogen. Ich weiss noch genau, dass ich ihn gekauft habe, bevor wir unsere Schwedenreise angetreten sind. Da war ich 17.
Ich habe mich unglaublich gefreut, als ich bemerkte, dass das selbe Loch wie damals wieder passt :D!

Deswegen dachte ich, dass es jetzt an der Zeit ist dieses Thema mit euch zu besprechen. Also Gewicht, nicht Gürtellöcher.

Das Thema, was Frauen bekanntlich (anscheinend?) nicht mögen.

Für mich wurde es in den letzten 4 Jahren zu einem sehr grossen Thema. Leider.

Als ich am Montag wegen meiner Blasenentzündung beim Arzt war, fragte er mich wie es mit dem Essen geht und ob ich auf die Waage stehen mag.
Ich antwortete ihm, dass es super geht und ich gerne auf die Waage stehe.
58kg, mit Schuhen und allem inklusive.
Im Januar 2011 war ich noch 49kg.
Im Sommer 2010 war ich noch 45kg.
Im Sommer 2008 war ich noch 42kg.

Nur mal so als Vergleich.
Ich habe ein absolut gesundes Gewicht. Das ist ein Meilenstein für mich.


Aber jetzt zu erst einmal dazu, wie das alles zustande kam:

Als ich Kind war ich eigentlich immer ziemlich klein und fein (aber, mit richtigen Hamsterbacken).
In der Pubertät legte ich dann ein bisschen zu, und wurde kurvig.  Die Hüftspeckröllchen haben mich manchmal ein bisschen gestört, aber sonst fühlte ich mich pudelwohl damit.
Ich war aber schon immer so, dass ich den Appetit verlor, wenn ich nervös war, Liebeskummer hatte, gestresst war, oder ähnliches.

Ich hatte immer wieder mal Phasen, in denen ich Mühe hatte abends zu essen. Weil, wenn ich mich nicht wohl fühlte, war es immer abends. Ich hatte dann Angst zu essen, weil ich befürchtete ich könnte mich übergeben müssen. Denn das war immer schon mein schlimmster Albtraum.
Das legte sich aber immer wieder.

Anfangs 2008 fing dann alles an. 
Ich war ständig krank, fühlte mich schwach, hatte keinen Appetit. Zu der Zeit hatte ich auch meine erste Panikattacke, was ich aber damals nicht wusste.
Es häuften sich die Tage, an denen ich fast nichts essen konnte. Das Problem dehnte sich dann auf den ganzen Tag aus.
Doch ich biss mich irgendwie durch.

In den Sommerferien 2008 waren Tizi und Ich mit Freunden in Amsterdam. 
Mir war damals nicht bewusst, wie wenig ich gegessen habe, aber wenn ich jetzt daran denke sehe ich es. Ich hab mich einfach so durchgemogelt. Ich fühlte mich ständig miserabel, aber hatte Angst, dass ich mich vom Essen noch schlechter fühlen konnte.
( Jetzt weiss ich, dass es umgekehrt war).
Amsterdam, Sommer 2008

Nach diesem Urlaub ging ich zum Arzt. Da musste ich auf die Waage stehen, und was dann kam war ein riesen Schock.
42 kg.
Es stellte sich heraus, dass ich innerhalb von 6 Monaten 10 kg verloren habe, ohne es zu bemerken oder zu wollen.
Natürlich habe ich bemerkt, dass meine Kleider nicht mehr passten und dass mich Leute besorgt ansahen, aber so richtig realisiert habe ich es nicht.

Ich konnte mein Gewicht dann bis zum Winter wieder auf so 45 kg bringen, aber ich hatte immer noch keine Ahnung was mit mir los war.
Ich fühlte mich einfach schlecht und zog mich total zurück.
Hamburg, Sommer 2009

Ich schämte mich für meinen Körper, der so hart und knochig war. Ich hatte ständig kalt, war schwach und kränklich.

Von 2008 bis 2010 schwankte das Gewicht dann immer so zwischen 42 und 48 kg. Ich versuchte mich neu zu orientieren und mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Ich dachte es sei mir gelungen, doch nach der gescheiterten Lehre fing alles irgendwie wieder von vorne an. Ich bemühte mich und versuchte heraus zu finden was los war.

Im Sommer 2010 fing ich an Blogs zu lesen.
Per Zufall stiess ich auf ein paar Blogs, von magersüchtigen Mädchen.
Ich erkannte mich selbst wider.
Sommer 2010

Ich wollte nie abnehmen und wehrte mich immer strikt dagegen, als Magersüchtig bezeichnet zu werden, aber in einer gewissen Hinsicht war ich es.
Ich hatte einfach mehr Angst vor dem Essen und seinen Auswirkungen, was natürlich von meiner Angststörung kam (welche aber erst im Sommer 2010 benannt wurde). Die Magersucht war ein Symptom.

Ich tauschte emails mit diesen Mädchen aus, und fand endlich jemanden, der mich versteht.
Das war so eine Erleichterung.

Mir war dann klar, dass viele meiner Symptome wie Übelkeit und Unwohlsein einfach von zu wenig Nahrung kamen.

Also nahm ich die Sache in die Hand!!!

Ich fing an mich besser, und vor allem Nahrhafter zu ernähren.

Ich ass 6 Mahlzeiten am Tag, viel Proteine, ich entdeckte Haferflocken, griechischen Yoghurt, Mandelmus und ähnliches. Ich musste mich zwingen, keine Mahlzeit auszulassen und hielt mich an einen Plan.

Am Anfang war es echt hart, weil mein Hungergefühl einfach nicht mehr vorhanden war. Ich hatte oft das Gefühl, mich zu mästen. Aber mehr und mehr merkte ich, dass ich wieder mehr Energie habe.

Über die erste Zeit stieg das Gewicht gar nicht, was sehr frustrierend war.
Aber nach ein paar Monaten, sah man wirklich ein Resultat. 
Seither sank mein Gewicht nie mehr.
Es stieg stetig an.

Ich fühlte mich immer wohler in meiner Haut.
Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich immer ein Auge auf mich werfen muss, damit es nie mehr so weit kommt.

Oktober 2010

Jetzt habe ich einen guten Appetit, ich achte darauf das ich mich gesund und ausgewogen ernähre und vor allem: ich geniesse es!

Seit dem Sommer musste ich viele meiner geliebten Klamotten weggeben, weil sie mir zu eng geworden sind.
Die Jeans passen nicht mehr, der Wintermantel ging nicht mehr zu, und die Blusen pressten meine Oberweite zusammen.
Es ist Schade um die Kleider, aber auch einen riesigen Triumph für mich!

Frühling 2011 

Wenn ich Fotos von letztem Jahr anschaue, lässt es mich schaudern.
Ich sehe nicht  aus wie ich.
Und ich will nie mehr zurück zu diesem Menschen!

Wenn ich das alles so zusammenfasse, wird mir wieder einmal klar, was Tizi für eine Leistung vollbracht hat.

Er hat mir immer gesagt, wie schön ich sei.

Und das war ich wirklich nicht. 
Es ist schrecklich mit 20 plötzlich keinen Busen mehr zu haben, die Jeans nicht mehr auszufüllen, und von allen auf ungefähr 16 geschätzt zu werden.


Ich fühle mich mit meinem jetzigen Gewicht und Leben wie ein neuer Mensch.
Manchmal ertappe ich mich für eine Sekunde zu denken: Huch, du kannst doch nicht stetig so weiter zu nehmen....
Aber dann sag ich mir: Ist doch egal!!!
Ich bewege mich viel, ich esse hauptsächlich gesund und ich sehe gut aus damit!



Wenn ich abends Lust auf Schokolade oder Kekse habe, dann esse ich sie mit Genuss!

Ihr lieben Mädchen und Jungs da draussen: 

* Wenn ihr mit eurem Gewicht kämpft, zögert nicht euch Hilfe zu holen!
* Die meisten Leute sehen so viel besser aus, wenn sie was auf den Knochen haben!
* Essen ist was wundervolles, das darf man nicht verpassen!
* Akzeptiert euren Körper, und zerstört ihn nicht!
* Liebt euch so wie ihr seid, denn ihr seid alle schön! Von innen und von aussen!!!!!



So, und zum Schluss zitiere ich noch den weisen Joey von "Friends":


`I`m curvy and I like it!`



Love,

Sara








Kommentare:

  1. Erst wenn man durch diese Hölle ist und zurückblickt weiß man wie furchtbar das alles war. Aber hey, wenn man aus eigener Kraft raus kommt, weil es einem bewusst wird und wenn man anfangen kann sich darüber zu freuen, dann ist man ein neuer Mensch.
    Wir müssen vielleicht immer auf uns achten, aber wir sind stark und haben es geschafft, aus eigenem Antrieb. Fühl dich unbekannterweise gedrückt!

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  2. Sara (your Swedish penpal)19. November 2011 um 16:31

    Thank you so much Sara for this great, great and brave post! I have been fighting with bulimia. An eating disorder is like a very dark force that kind of takes over your mind and body. Right now I am fine and will continue to be so I have decided! I really love the good and delicious things in life, such as porridge, coconut, apples, oven baked potato,... just to name a few of the million of wonderful things there are to eat!

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  3. wow, very cool statement :)

    wusste gar nicht, dass schweizer so lässig sein können,.... :-)

    bin schon gespannt auf meinen schweiz aufenthalt



    lg andreas

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  4. My dear Sara <3 you inspire me! i want to be where you are someday, and the best thing i ever did was to get help for my eatingdisorder. reading this i actually don't think you were anorectic although people may perceive it as that. have you ever heard about emethophobia? read about it. it's a subject that is graveli underestimated. when i read and learn about it in the clinic now, i always think of you and how happy i am that you got out of it all on your own! i am soo proud of you and you deserve all the happiness you can get!

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  5. Ich bin so stolz auf dich :) Du bist so shoen :) Ich kenne dein Geschichte ganz zu gut, und ich weiss dass es ist ganz schwerig. Du bist super :)

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Hallo! Schön das du dir die Zeit nimmst und mir einen Kommentar hinterlässt.
Bloss nicht schüchter sein, ich freue mich sowieso! Wenn du mir sonst lieber (oder auch) auf anderem Wege eine Nachricht hinterlassen möchtest, tu das via sara.bisonni@bluewin.ch

<3