Freitag, 1. Juni 2012

Tag 15: Viele neue, ungewohnte Gefühle...


Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es!
(Erich Kästner)


Eigentlich habe ich mir vorgenommen, mehrmals wöchentlich zu schreiben....
Aus dem ist bis jetzt, aus verschiedenen Gründen, nicht viel geworden.
Ich kann hier mit meinem Laptop nicht ins Internet, und auf dem gemeinschafts Computer ging es bis heute auch nicht. Ausserdem, war ich auch sehr damit beschäftigt, mich einzuleben und zu lernen....

Das Internet funktioniert jetzt, ich habe Zeit und vorallem Lust gefunden, zu schreiben...

Zuerst erzähle ich euch ein bisschen, wie mein Tag hier aussieht, und was ich bis jetzt gelernt habe.

Ich stehe so um 7 Uhr auf, ziehe mich an, mache mich hübsch und gehe frühstücken.Ich nehme alle Mahlzeiten in einem Speisesaal auf der Station, mit den anderen Patienten, ein.
Um 8.30 geht es dann los mit  der ACT-Gruppe. ACT bedeutet: Acceptance Commitment Therapy.
Es ist so aufgeteilt, das jeder Wochentag ein Thema beinhaltet. Am Donnerstag und Freitag geht es zum Beispiel um "Ziele und Werte", am Mittwoch um "Das stabile Ich". Diese Gruppe wird abwechslungsweise von verschiedenen Psychologinnen geleitet. Wir lernen die Theorie, bekommen Arbeitsblätter, machen Übungen und sprechen darüber, wie man das Gelernte umsetzen kann.
Das Ganze geht bis um 9:45 . Mir macht es total Spass, etwas zu lernen, was ich dann gleich so mit in meinen Tag nehmen kann.

Der Rest des Morgens ist dann, abgesehen von Freitag, mit Sport ausgefüllt. Je zwei Mal die Woche Yoga und Ausdauertraining (joggen,etc.). Nach dem Mittagessen lege ich mich dann (wie zu Hause auch) immer ca. eine Stunde hin, leses und höre Musik.
Zwei Mal die Woche habe ich dann noch Einzeltherapie. Diese Woche habe ich auch schon mit Expositionen angefangen...Die werden dann beim ersten Mal zusammen mit meiner Therapeutin gemacht, und dann muss ich es alleine weiter üben.

Um 17.30 gibt es Abendessen, und um 19.00 die sogenannte "Abendrunde", wo man einfach nochmals zusammen über den Tag spricht, was gut war, was nicht...

Das ist meine feste Tagesstruktur. Dazu verbringe ich Zeit mit anderen Patienten, mache Spiele, schaue TV, lese, schreibe, gehe Spazieren, mache Schmuck, etc...


Es ist wahnsinnig, wieviel ich in dieser kurzen Zeit (2 Wochen) schon gelernt habe...
Ich weiss jetzt, warum ich eine Angststörung habe. Ich weiss auch, warum ich Panikattacken bekomme und, warum sie so unberechenbar sind.
Mit meiner Therapeutin habe ich viel Material durchgearbeitet, zur Psychoedukation. Das bedeutet, ich weiss jetzt, warum mein Körper mit diesen Symptomen reagiert. Zum Beispiel fange ich an zu zittern, weil sich meine Muskeln auf "Fight or Flight" vorbereiten. Das ist ganz banal, doch wenn dies so weiss, ist es viiiiiiiel weniger beunruhigend. Ich weiss auch, dass es den "Angst-Teufelskreis" gibt.
Der fängt z. B damit an, dass ich eine unangenehme körperliche Empfindung spüre, dann mache ich mir Sorgen, dadurch sendet mein Gehirn automatisch das Signal "GEFAHR" aus, dann spüre ich wiederum körperliche Veränderungen, wie das Zittern, Übelkeit,etc, und dann dreht es sich im Kreis.


Aber das allerwichtigste, was ich bis jetzt gelernt habe, und auch schon anwenden konnte, ist die Angst/körperlichen Symptome, etc. mit zu nehmen. Ich sage dann :" Ach, hallo Angst, bist du auch wieder da? Ja, ist okay, ich nehme dich aber mit zum einkaufen."
Klingt ein bisschen doof, hilft aber extrem. Denn dadurch akzeptiere ich es, ohne zu bewerten. Irgendwann, wird es der Angst zu blöde und sie verzieht sich.
Das habe ich ganz, ganz stark gespürt und es war absolut fantastisch.
Denn ich habe mir angewöhnt die Angst versuchen zu unterdrücken und mit ihr zu kämpfen. Das macht sie einerseits stärker, andererseits schwächt es mich total.

Was mir auch bewusst wird, ist die Problematik, dass ich meine Gefühle und Bedürfnisse nicht ernst nehme, sondern schlucke. Ich realisiere sie oft erst, wenn mir mein Körper Warnsignale gibt (Übelkeit, Anspannung, Panik).
Ich versuche jetzt, bewusster damit um zugehen, mich selbst ernst zu nehmen und lieb mit mir zu sein.

Selbstverständlich ist es noch sehr schwierig, weil ich mir das über ziemlich lange Zeit so angewöhnt habe.

Ich mag mich nicht besonders, ich habe kein Lob verdient, und ich sollte alles noch viel besser machen...
Das ist so meine innere Einstellung. Wenn mir dann etwas wirklich nicht gelingt, dann denk ich: Siehst du, das war ja klar.
Ich muss an meinem Loser-Image, dass ich von mir selbst habe, arbeiten.

Das ist keine leichte Aufgabe, ich sags euch. Aber man muss klein anfangen.
Ein Schritt in die richtige Richtung ist, dass ich dieses Wochenende hier auf der Station verbringe. Ich war gestern zu Maras Geburtstag und am letzten Wochenende zu Hause. Es war schön, aber dieses hin und her war auch sehr anstrengend. Dann lag ich anfangs Woche wirklich 2 Tage im Bett, mit einr fürchterlichen Erkältung.

Also, jetzt bleibe ich hier .Ich versuche mich ein bisschen zu erholen, zu machen, auf was ich Lust habe und was mir gut tut !
(Klingt einfacher als es ist!)



In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Wochenende! Ich werde jetzt noch eine Spaziergang machen, eine lange heisse Dusche nehmen und dann tun, was auch immer ich gerade will;)

Love and Peace,

Sara

Kommentare:

  1. Hallo Sara !
    Ich bin unheimlich stolz auf dich, auch wenn ich dich nicht kenne. Aber du bist wirklich eine super Frau. Von dir könn sich viele ne Scheibe abschneiden, du tritts deinen Problemen gegenüber, das ist super.

    Was sind Expositionen? Das hab ich nich verstanden.
    Ich wünsch dir viel Kraft für deine Zeit in der Klinik. Toll, dass du schon so viel lernen konntest - weiter so!
    lala

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    1. Liebe Lala,

      ich danke dir viel mals! Wenn ich solche Kommentare lese, bekomme ich gleich noch mehr Kraft und Motivation!<3
      Eine Exposition ist eine Situation, in der man sich konkret seinen Ängsten/Problemen stellt. Für mich bedeutet das, alleine Tram/Bus zu fahren, einkaufen zu gehen, etc... Es ist ein wichtiger Teil der Verhaltenstherapie.

      Love and Peace,
      Sara

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Hallo! Schön das du dir die Zeit nimmst und mir einen Kommentar hinterlässt.
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<3